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Wohngruppenleben in Coronazeiten

Ein Jugendlicher kommt zu Wort und berichtet über seinen Alltag


Selten sahen wir uns im alltäglichen Leben mit so vielen Einschränkungen und Veränderungen konfrontiert. Besonders stark beeinflusst die aktuelle Situation das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner in den verschiedenen Wohngruppen des LWL-Jugendheim Tecklenburg. Die Schilderungen eines 13-jährigen Bewohners geben uns hierbei Einblicke in deren Erlebnisse.


Von den in Deutschland 10,9 Millionen Schülerinnen und Schülern gingen die meisten bis Mitte Juni nur eingeschränkt oder gar nicht zur Schule. Einer von diesen Schülern ist der 13-jährige Sven (Name und Daten verändert und anonymisiert). Hausaufgaben werden meist zuhause erledigt. Zuhause heißt für ihn die Wohngruppe, in der sich jeden Tag mehrere Betreuerinnen und Betreuer um bis zu 8 Kinder und Jugendliche kümmern. Sven war bereit seine Erfahrungen in einem Gespräch mit mir zu teilen und berichtet aus seinem „Corona-Alltag“.

Sven, der mich in der Wohngruppe freundlich begrüßt, lächelt zu Beginn des Gespräches. Wir sitzen in einem hellen, freundlichen Raum. Sven trägt Trikot und Sportschuhe. Er berichtet, dass er leidenschaftlicher Fußballer sei, genauer gesagt sei er Torwart, die Richtigstellung ist ihm wichtig. Es nervt ihn, dass zurzeit kein Training stattfindet. Auch sich mit Freunden zu verabreden, ist nur unter bestimmten Voraussetzungen und seltener möglich. Alle müssen die Handynummern und die Adressen der Freunde angeben.

Angst vor Corona hat Sven nicht. Aber Angst um seinen Vater. Dieser habe eine Vorerkrankung und Sven denkt oft darüber nach, was passiert, wenn sein Vater krank werden würde oder sogar stirbt. In gemeinsamen Telefonaten mit ihm kann er jedoch über diese Angst sprechen. Um den Vater zu schützen, kann Sven ihn auch nicht besuchen. Hierüber ist er sehr traurig. Das Lächeln in Svens Gesicht ist mittlerweile einem sehr ernsten, fast traurigen Blick gewichen. Sven wird ruhig, schaut an die Decke. Ein leises „aber ich kann das verstehen, ich muss Papa schützen“ kommt über seine Lippen. Dann mehrere Sekunden Stille. Er scheint in Gedanken zu sein. Wir beide schweigen und lauschen eben jener Stille.

Plötzlich lächelt Sven wieder.  „Wenigstens sei es in der Wohngruppe gut. Alle Betreuer und Betreuerinnen geben sich viel Mühe. Die Unterstützung bei den Hausaufgaben ist klasse und es werden immer wieder neue Aktionen geplant. Auch wie wir uns verhalten müssen, haben wir genau besprochen. Abstandhalten, Maske tragen beim Einkaufen und regelmäßig Hände waschen.“

Dennoch sei es schwer einen Tag „rumzukriegen“. Oftmals mache sich bei allen Langeweile breit. Sven sagt, oft bekommen alle schnell schlechte Laune. „Dann kann es auch schon mal lauter in der Gruppe werden“. Er habe aber gelernt, dass ein solches Verhalten nichts bringt. „Wenn ich vernünftig mit den Anderen rede, dann reden die auch vernünftig mit mir, das musste ich jedoch erst lernen und macht das Zusammenleben jetzt besser.“

Abschließend frage ich Sven, was er als Erstes macht, wenn die geltenden Bestimmungen wieder gelockert werden. Ohne dass ich den Satz zu Ende sprechen kann, legt Sven los. Mit lauter, kraftvoller Stimmte teilt er mit, dass er als allererstes seine Schwester und seinen Vater wieder besuchen werde. Einen größeren Wunsch habe er zurzeit nicht.

Ich danke Sven und bin sehr beeindruckt, was die Kinder und Jugendlichen zurzeit aushalten, aber auch leisten. Gleiches gilt für die Betreuerinnen und Betreuer. Neben Hausaufgaben, Einkaufen und Organisation des Alltags schaffen sie es, ein nettes Zusammenleben zu ermöglichen und sogar Ausflüge mit den Kindern finden statt. In Corona-Zeiten müssen eben alle etwas mehr leisten und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, egal in welcher Einrichtung, machen dies. Danke!

Als ich die Wohngruppe verlasse geht mir dieser eine Satz von Sven nicht aus dem Kopf: „Wenn ich vernünftig mit den Anderen rede, dann reden die auch vernünftig mit mir, das musste ich jedoch erst lernen und macht das Zusammenleben jetzt besser.“ Bei allen Herausforderungen in der aktuellen Zeit lernen wir auch und wachsen vielleicht etwas mehr zusammen. Zumindest ist es am Ende des Tages ein schöner Gedanke. 

Daniel Schneider/ Stabstelle Qualitätsentwicklung im LWL-Jugendheim Tecklenburg